UrogynÄkologie

Harninkontinenz
Es werden zwei Hauptformen des unwillkürlichen Urinverlustes unterschieden, welche auch unterschiedlich zu behandeln sind.

1. Die Stressinkontinenz
Urinabgang beim Husten, Lachen, Niesen, eventuell sogar beim Hüpfen oder Bergabgehen.

Der Verschlussapparat der Blase ist nicht mehr dicht und lässt bei körperlicher Belastung Urin tropfweise oder in Spritzern entweichen. Der Blasenverschluss wird bewerkstelligt durch ein komplexes Zusammenspiel von Blasenschliessmuskel, Schleimhaut, Venen und der Muskulatur des Beckenbodens. Stressinkontinenz kann entstehen durch anlagebedingte Schwäche des Bindegewebes, Schädigung des Beckenbodens bei Geburten und durch Hormonmangel nach den Wechseljahren.

Mit Hormonbehandlung und Beckenbodentraining kann manchmal eine Verbesserung der Inkontinenz erreicht werden, oft erbringt jedoch nur eine operativer Eingriff ein wirklich befriedigendes Resultat.

Operationen bei Stressinkontinenz

TVT: Tension-free Vaginal Tape ( Spannungsfreies Vaginalband )

Diese Operationsmethode wurde 1995 in Uppsala (Schweden) von Professor Ulf Ulmsten entwickelt und hat sich in kurzer Zeit sehr erfolgreich durchgesetzt und verbreitet. Verwendet wird ein Kunststoffband, das aus Prolene gefertigt wird. Dieses Material ist in der Medizin seit langem bekannt für seine Stabilität und gute Gewebsverträglichkeit. Es wird für Fäden und flächige Netze verwendet, mit denen man z.B. grosse Brüche der Bauchwand und der Leiste verschliesst.

Durch einen kleinen Schnitt in der Scheidenvorderwand wird das Band unter der mittleren Harnröhre durchgeführt und mit einem Nadelsystem links und rechts hinter dem Schambein hochgezogen. An diesem Punkt der Operation ist nun die Mitwirkung der Patientin erforderlich. Währenddessen sie auf Befehl kräftig husten muss, nimmt der Operateur die Feinjustierung des Bandes vor. Es darf die Harnröhre nicht einengen, sondern muss spannungsfrei liegen. Danach werden Nadeln und überschüssiges Band durch zwei kleine Schnitte in der Bauchhaut entfernt und die Wunden mit wenigen Stichen verschlossen.

Der Eingriff wird in lokaler oder regionaler Anästhesie durchgeführt, da wie erwähnt die Patientin wach sein soll um mithelfen zu können.

Wie kommt nun die Wirkung zustande, wenn das Band am Ende der Operation locker und spannungsfrei unter der Harnröhre liegt? Das TVT ersetzt ehemals vorhandene Haltebänder zwischen Vagina, Harnröhre und Schambein welche durch Senkungsvorgänge und degenerative Veränderungen verloren gingen. Erst beim betätigen der Bauchpresse (Lachen, Husten oder Niesen) tritt es in Aktion, indem es den Vorfall der Harnröhre wie ein Sicherheitsnetz auffängt und diese durch leichten Druck abdichtet.

Die Vorteile der neuen Operationsmethode sprechen für sich:

  • Der Eingriff ist für den Körper so wenig belastend, dass er als minimal invasiv bezeichnet werden kann und dauert nur etwa 30 Minuten. Er verursacht wenig Schmerzen.
  • Der Eingriff benötigt keine Narkose - er wird in örtlicher Betäubung durchgeführt.
  • Der Spitalaufenthalt ist kurz - in der Regel 1-3 Tage.
  • Die Arbeitsunfähigkeit ist kurz - nicht mehr als 10-14 Tage.

Zusammengefasst: genial einfach, minimal invasiv und mit über 90% Erfolgsrate sehr effizient.

Kolposuspension nach Burch ("Aufhängen" der Blase)
Nach Eröffnen des Bauches wird die Blase und die Harnröhre dargestellt. Dann wird beidseits der Harnröhre die darunterliegende Scheidenwand mit Nähten gefasst und nach vorne und oben gegen das Schambein fixiert. Dadurch werden Harnröhre und Blasenhals angehoben. Die Veränderung der Lage zurück in die angestammte Position bewirkt eine Verbesserung der Kontinenz. Nach der Operation muss mit Hilfe eines durch die Bauchdecke geführten Blasenkatheters das Wasserlösen wieder "erlernt" werden. Zusammen mit der Erhohlungsphase dauert dies etwa 1 Woche.

In diversen Variationen wurde der obige Eingriff jahrzehntelang durchgeführt und war vor dem TVT der Goldstandard. Wenn heute auch selten mehr durchgeführt, kann die Operation nach Burch als Alternative noch angewendet werden, wenn der Bauch wegen eines anderen Problems ohnehin eröffnet werden muss.

2. Die Dranginkontinenz
Häufiger und unwiderstehlicher Harndrang kennzeichnen diese Form der Inkontinenz. Ursächlich kommen chronische Infekte, Hormonmangel und psychosoziale Probleme in Frage. Im Gegensatz zur Stressinkontinenz ist die Behandlung vorwiegend konservativ. Diverse unterstützende Medikamente stehen zur Verfügung. Infektionen soll man mit Antibiotika behandeln. Hormone werden lokal oder systemisch angewendet. Vor allem aber muss die Blase umerzogen werden mit einem Training, das man als "Blasendrill" bezeichnet.

Dabei wird als erstes die Trinkmenge auf etwa 2.5 Liter pro Tag gesteigert, denn konzentrierter Urin reizt die Blase! Parallel dazu muss die Zeit zwischen den Toilettengängen successive verlängert werden, wenn es sein muss mit Hilfe einer Uhr. So nimmt die Grösse der jeweils gelösten Urinmenge zu und damit die Grösse der Blase. Ziel des Blasendrills ist es, höchstens alle 3-4 Stunden mindestens 2-3 Deziliter Urin zu lösen.